WEGBEGLEITER
Fachwissen und Begleitung für Mensch und Hund

Podcast: Wegbegleiter zu Gast bei Fair Dogs

Ein transkribiertes Podcast-Gespräch über Psychologie im Hundetraining und die Besonderheiten in der Hundeerziehung bei Gehörlosigkeit.

Was Psychologie mit Hundetraining zu tun hat und warum gehörlose Menschen in der Hundeerziehung Vorteile haben: Tine von Fair Dogs hat zu ihrem Podcast eingeladen. Damit auch gehörlose Menschen daran teilhaben können, wurde diese Folge transkribiert.

Transkript des Podcasts

Tine (Fair Dogs): Herzlich willkommen zum Fair Dogs Podcast. Herzlich willkommen zu dieser Reise durch die Welt des fairen Hundetrainings. Ich möchte dich ein Stück begleiten auf deinem Weg; dich inspirieren, motivieren und dir natürlich auch wichtige Informationen an die Hand geben, die du für dein glückliches Leben mit deinem Hund brauchst. Heute begrüße ich Pia-Céline Delfau. Sie begleitet Menschen und ihre Hunde in Form von psychologischem Coaching. Wir wollen heute darüber sprechen, was das eigentlich ist, was der Unterschied zu normalem Hundetraining ist und was Psychologie überhaupt mit Hundetraining zu tun hat. Herzlich willkommen, Pia!

Pia (Wegbegleiter): Hallo! (lacht)

Tine (Fair Dogs): Ich freue mich total, dass du da bist und freue mich auch schon super auf unser Thema. Bevor wir aber tatsächlich zum psychologischen Coaching kommen, wollen wir noch kurz etwas klären, was heute ganz anders ist als in anderen Podcastfolgen. Und es ist für mich auch etwas ganz Neues. Pia, Du bist nämlich gehörlos und wir beide nehmen jetzt hier gerade einen Podcast auf – wie passt das zusammen?

Pia (Wegbegleiter): Ja, das ist eine sehr berechtigte Frage und es ist eine Frage, die ich öfter gestellt bekomme und die ich nie schlimm finde! Ich freue mich immer, wenn Leute das fragen, weil es ja tatsächlich etwas ist, was erstmal nicht zusammenpasst. Es passt aber zusammen, weil ich nämlich ein Cochlea Implantat trage, das nennt man auch ein CI. Also ganz kurz, damit man es nachvollziehen kann: Ich bin von Geburt an schwerhörig und hatte dann sehr viele Hörstürze. Und dann bin ich mit 19 Jahren komplett ertaubt und habe ein Cochlea Implantat bekommen. Das wird operiert, also einoperiert, und ist im Grunde genommen eine Prothese. Und damit habe ich das Hören komplett neu erlernt. Das bedeutet, wenn ich es ablege, z.B. nachts, wenn ich schlafe, bin ich nach wie vor komplett taub, was sehr viele Vorteile hat (lacht). Entscheidend war aber, dass ich vorher bereits Sprache hören konnte. Also das heißt, ich war – ja – schwerhörig. Ich konnte also Sprache akustisch wahrnehmen und deswegen klappt das jetzt mit dem CI auch so gut. Ich bin aber auch mit dem CI nicht hörend, sondern nach wie vor habe ich zum Beispiel, wenn sehr starke Nebengeräusche da sind, Schwierigkeiten etwas zu verstehen. Ich bin auch mit dem CI quasi schwerhörig. Aber wenn ich mir alles gut einrichte und meine technischen Hilfsmittel habe, dann klappt das so wie jetzt ganz gut.

Tine (Fair Dogs): Ja, cool. Wir beide sind ja jetzt gerade über Zoom verbunden, das heißt, wir sehen uns. Aber ich gehe mal davon aus, dass du bei der Bildqualität jetzt wahrscheinlich nicht viel davon hast, mich reden zu sehen, also, dass das kein großer Vorteil ist. Wie machst du das, dass du mich jetzt gerade gut hören kannst? Du hast ja spezielle Kopfhörer, richtig?

Pia (Wegbegleiter): Ja, genau. Ich hab wirklich riesengroße Kopfhörer. Ursprünglich waren das mal welche, die ich mir geholt habe, weil ich damit tatsächlich auch den Bass spüren kann und die sind halt so, dass sie einfach wirklich gut das Mikro von meinem CI erreichen. Und auf der anderen Seite hab ich noch ein Hörgerät, da habe ich nämlich noch ein ganz, ganz bisschen Gehör rechts. Aber tatsächlich ist die Bildqualität gar nicht so schlecht bei Zoom, also das heißt dein Mundbild sehe ich durchaus und ich kann es mir durchaus auch zu Hilfe nehmen. Aber ich hab dich tatsächlich ja schon so oft sprechen gehört, weil ich dich in anderen Podcastfolgen sprechen gehört habe, und du hast einfach eine sehr, sehr klare Aussprache. Also ist es tatsächlich sehr angenehm, dich zu verstehen.

Tine (Fair Dogs): Das ist natürlich praktisch, super! Wir haben ja auch nochmal drüber gesprochen: Eine letzte Sache noch zu diesem ganzen Organisatorischen, weil es ja auch irgendwie total spannend ist und ich freue mich auch, dass du mich auf das Thema so aufmerksam machst: Wir wollen ja diese Folge auch für Menschen zugänglich machen, die jetzt nicht zuhören können. Das heißt, wir wollen ein Transcript zur Verfügung stellen und werden das entweder in Form eines ja wirklich Wort-für-Wort-Transkriptes tun, wenn wir das wirklich hinbekommen (lacht), wir müssen mal schauen, wie wir das schaffen, aber zumindest in Form eines Blogartikel, damit die Inhalte zumindest zur Verfügung gestellt werden. Und das werden wir in den Shownotes definitiv verlinken. D.h. für alle, die diese Folge jetzt hören: Ihr könnt jetzt schon auf den Link in den Shownotes klicken und dieses Transkript oder den Blogartikel aufrufen und dann gern mit Menschen teilen, von denen ihr wisst, dass sie davon profitieren können. Also wie gesagt, ich freue mich. Danke Pia, dass du mich darauf aufmerksam machst. Und es ist ja auch ein total spannendes Thema, wenn es ums Hundetraining geht. Denn als Gehörlose hast du ja wahrscheinlich einen ganz anderen Blick – im wahrsten Sinne des Wortes – darauf. Was ist da so besonders? Was ist anders im Training, wenn man gehörlos ist?

Pia (Wegbegleiter): Also bevor ich in das Thema einsteige, damit man nachher nicht verwirrt ist, wollte ich noch eine ganz kleine Info geben: Und zwar ist es nämlich so, dass viele gehörlose Menschen sich lieber als taub bezeichnen, weil sie das Wort gehörlos als defizitär ausgerichtet wahrnehmen, was ja auch so ist. Ich kenne aber wiederum auch Menschen, die sich selbst trotzdem eher als gehörlos, als als taub bezeichnen. Deswegen spreche ich immer mal von taub und mal von gehörlos. Was mir aber wichtig ist, weil ich diese Frage nämlich auch immer wieder kriege, es ist bitte nicht zu verwechseln mit taubstumm. Taubstumm ist tatsächlich eine Beleidigung, weil das im Grunde genommen ja besagt, dass der Mensch keine Sprache hat. Aber das haben gehörlose Menschen ja. Es gibt ja ganz viele nationale Gebärdensprachen und in unserem Fall hier, also jetzt hier in Deutschland, ist dann eben die Deutsche Gebärdensprache vorrangig, es gibt nämlich auch in Deutschland dann nochmal verschiedene, die dann gesprochen werden. Also, dass man sich nicht wundert, wenn ich ab und zu von taub spreche, weil viele gelernt haben: „Taubstumm, das sagt man nicht!“ und dass man dann nicht irritiert ist. Genau, aber um auf deine Frage zurückzukommen: Was ist anders im Training für Gehörlose? Tatsächlich viel weniger, als man wohl vermuten würde. Also klar: Taube Hundehalter:innen kommunizieren mit ihren Hunden in der Regel über visuelle Signale. Oder sie machen Klopfgesten oder andere Signale, mit denen sie Geräusche produzieren können. Und für den Rückruf gibt es ja unzählige Hundepfeifen. Also kann man das quasi einfach auf eine etwas andere Art und Weise, ja, aber ohne großen Aufwand, anders lösen. Allerdings ist es so, dass ich es in meiner Arbeit häufiger erlebe, dass taube Hundehalter:innen stimmlich mit ihren Hunden kommunizieren. Einfach, weil das so vermittelt wird, dass man mit Hunden so kommunizieren muss. Und wenn meine Kund:innen sich damit wohlfühlen, dann können sie das selbstverständlich beibehalten; dann ist alles gut. Aber häufig ist es so, dass es sie eigentlich eher stresst, mit ihren Hunden quasi sprechen „zu müssen“. Und dann besprechen und schauen wir, dass es ja eigentlich sogar eher Vorteile haben kann, rein über visuelle Signale mit seinem Hund zu arbeiten. Und um das mal provokativ und natürlich auch ein bisschen mit einem Augenzwinkern zu sagen: Was auch anders ist: Meine gehörlosen Kund:innen texten ihre Hunde nicht so zu, oder laufen keine Gefahr, sozusagen ganz, ganz viel mit dem Hund zu sprechen. Und es gibt tatsächlich einen ganz wesentlichen Unterschied in meiner Arbeit, in meinem Fall jetzt in der Arbeit mit meinen gehörlosen Kund:innen und meinen hörenden Kund:innen: Und zwar es ist nämlich so, dass der Bedarf an psychologischem Coaching bei den gehörlosen Kund:innen wirklich deutlich geringer ist. Und das liegt einfach auch daran, dass es im Grunde genommen nahezu keine einzige Hundeschule gibt, die ihre Angebote in Gebärdensprache ausrichtet, bzw. ausrichten kann. Und auch sämtliche andere Informationskanäle wie z.B. Podcasts, Seminare, Vorträge sind ja in der Regel nicht barrierefrei zugänglich. Das heißt, Gehörlose haben wirklich einen ganz anderen Wissensbedarf. Sie fangen ja wirklich komplett bei null an als Hundehalter:innen – naja, das wäre ja so, wie wenn den hörenden Personen keine Bücher, keine Podcasts, keine Gespräche mit anderen auf der Wiese und so weiter zur Verfügung stünden. Das heißt da ist einfach ein ganz anderer Bedarf da. Das ist tatsächlich in meiner Arbeit ein Unterschied. Während eben hörende Kundinnen, die zu mir kommen, ja kommen, weil sie die Kombi eben gerne möchten. Wenn sie nur Hundetraining wollen würden, dann würden sie sich wohl eher eine andere Hundeschule suchen.

Tine (Fair Dogs): Und du bist ja selber mit diesem Thema aufgewachsen und hast uns ja auch daran teilhaben lassen, dass das jetzt auch noch Teil deines Lebens ist, auch mit deinen Hunden. Und ich hatte ja schon den besonderen Blick angesprochen. Du sagst auf deiner Website, dass dir quasi eine besondere Beobachtungsgabe mit in die Wiege gelegt wurde, zusätzlich zur Gehörlosigkeit sozusagen, oder – ich weiß nicht – Schwerhörigkeit ist dann eher richtig bei dir, oder?

Pia (Wegbegleiter): Ja, es ist total schwierig. Beides trifft es. Ich definiere mich irgendwie als beides tatsächlich.

Tine (Fair Dogs): Ok, gut. (lacht) Genau. Du hast also quasi beides bekommen und hast wahrscheinlich eine bessere Beobachtungsgabe als andere. Das denke ich mal, ist ja automatisch, weil du mehr beobachten musst. Wie hat sich das denn auf deine Beziehung zu deinen Hunden ausgewirkt und auch auf deine Art des Trainings?

Pia (Wegbegleiter): Also es hat natürlich seinen Ursprung ja auch darin, dass ich gerade so als Kind ganz oft so außen vorstand und dass ich tatsächlich eigentlich überwiegend in einer lautsprachlichen Welt aufgewachsen bin. Ich selber habe die Gebärdensprache dann auch erst mit Anfang 20 kennengelernt oder auch überhaupt gelernt. Vorher hatte ich wenig Kontakt mit anderen Menschen mit Hörbehinderung und mit gehörlosen Menschen. Und das heißt, ich war schon recht viel alleine, so emotional gesehen. Und da habe ich tatsächlich unheimlich viel Zeit mit Tieren verbracht und habe es auch unheimlich entspannend empfunden, weil ich überaus gerne kommuniziere und sehr gerne in Kontakt bin, aber bei Tieren ja nicht akustisch zuhören muss. Und ausgewirkt hat sich das bei mir und meinen Hunden insofern, als dass ich, wenn ich anfangs noch lange nach den für uns richtigen Trainingsansätzen gesucht habt, manchmal das Gefühl hatte, ich sehe was bei meinen Hunden, aber ich kann es nicht einordnen, weil ich das Wissen dazu nicht habe und das, was ich aber sehe und wahrnehme, passte dann auch so gar nicht mit dem zusammen, was mir dann in dem Trainingsansatz vermittelt wurde. Also, dass ich teilweise dachte: Ne, dem Hund geht es nicht gut damit. Oder es ist nicht einfach nur, dass der Hund jetzt diese Grenze sozusagen testet.