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Verhaltensstörungen beim Hund

Ein Einblick in Verhaltensstörungen wie abnormal repetitives Verhalten (ARV) beim Hund, deren Ursachen und Handlungsmöglichkeiten im Alltag.

Als Zora einzog, zeigte sie nicht einfach nur normales hündisches Verhalten, das gesellschaftlich ein Problem ist, sondern enorm Verhaltensstörungen. Sie hat ein Deprivationssyndrom und zeigte in den ersten Jahren Verhaltensstereotypien, auch „abnormal repetitives Verhalten“ (ARV) genannt. Sie bellte völlig anhaltslos bis zur Heiserkeit und kreiselte über Minuten hinweg. Dabei hatte sie so massiven Stress, dass ihr Speichel schäumte und sie nicht mehr ansprechbar war. Mittlerweile führt sie ein gutes Leben, und ihre Verhaltensstereotypien hat sie seit zwei Jahren nicht mehr gezeigt.

In Zusammenarbeit mit Martina Friedrichs, einer auf Verhaltenstherapie spezialisierten Tierärztin und Hundetrainerin, sind hier Informationen zusammengetragen: was genau unter diese Form der Verhaltensstörung fällt, warum ein Hund das macht, wie man einen betroffenen Hund behandeln und trainieren kann und was es im Alltag zu beachten gilt.

Welche Verhaltensstörungen können Hunde entwickeln?

Unter den sogenannten ARV versteht man alle abnormal sich wiederholende Verhaltensmuster. Häufig wird in diesem Kontext auch von Verhaltensstereotypien und Zwangsverhalten gesprochen. Wichtig zu wissen ist hierbei: Der betroffene Hund entscheidet sich nicht willentlich für diese Verhaltensweisen, sondern unterliegt einem Zwang, dem er sich nicht widersetzen kann. Folgende Verhaltensauffälligkeiten werden hierbei gezeigt:

  • Oral: Exzessives Lecken/Saugen z.B. an Oberflächen, Pica, Polyphagie
  • Lokomotorisch: Kreiseln, Jagen der Rute, Jagen von Schatten/Lichtreflexen, fly-snapping, auf und ab rennen, exzessives Graben
  • Selbstgerichtet: akrale Leckdermatitis, exzessives Kratzen, Flanken saugen
  • Vokalisierend: monotones Bellen, anhaltendes Heulen
  • Halluzinatorisch: Kopfschütteln, in die Luft schnappen, Jagen eingebildeter Objekte, Fixieren von Schatten

Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich nicht um unerwünschte oder störende Verhaltensweisen handelt, die man mit ein bisschen Training verändern kann. Es sind tiefgreifende Störungen, die besonders für den Hund mit einem starken Leidensdruck verbunden sind.

Auslöser und Ursachen für abnormal repetitive Verhaltensstörungen

  • Massiver, langanhaltender Stress und eine insgesamt niedrige Stresstoleranz
  • Deprivationssyndrom, erlernte Hilflosigkeit, Angst/Furcht allgemein
  • Konfliktsituationen mit hohem Frustrationspotential
  • Traumatische Erlebnisse
  • Manchmal auch Langeweile bei extrem reizarmer Haltung z.B. im Zwinger
  • Andere Erkrankungen: Allergien, Juckreiz unterschiedlichster Ursache, Hautentzündungen, Analbeutelerkrankungen, Schmerzen allgemein, orthopädische Erkrankungen / Lahmheiten unterschiedlichster Ursachen
  • Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes wie Reflux, Übersäuerung, Futtermittelunverträglichkeiten
  • Ohrenentzündungen, Taubheit
  • Schilddrüsenerkrankungen (Unterfunktion)
  • Neurologische Erkrankungen z.B. Epilepsie, neuropathischer Schmerz, Hirntumore, Hydrocephalus
  • Störungen im Hirnstoffwechsel
  • Leber-Shunt

Was kann man tun, um einem verhaltensauffälligen Hund zu helfen?

Es gibt viele Dinge, die man tun kann:

Zuerst: Wenn ein solcher Hund im Umfeld oder im Training ist, sollte dafür gesorgt werden, dass der Hund komplett tiermedizinisch untersucht wird. Häufig kommen mehrere Auslöser zusammen. Sämtliche gesundheitliche Probleme des Hundes sollten erfasst und vor allem medizinisch behandelt werden. So sind z.B. Schmerzen ein sehr großer Stressor und sollten ernst genommen werden (siehe auch Wie erkennst du Schmerzen beim Hund).

In solchen Fällen ist es erforderlich, Tierärzt:innen mit der Zusatzausbildung in Verhaltenstherapie aufzusuchen. Nur diese haben die entsprechende fachliche Ausbildung und Erfahrung, um Verhaltensstörungen zu diagnostizieren und angepasst zu behandeln und eventuell zu Grunde liegende körperliche Störungen/gesundheitliche Probleme zu erkennen. Sollten Störungen im Hirnstoffwechsel vorliegen, so können Psychopharmaka aus dem Humanbereich helfen, dass der Leidensdruck des Hundes verringert werden kann, indem er seltener seinen Bewegungsstereotypien oder Zwängen erliegt.

ARVs müssen sehr häufig unterstützend zu einem Verhaltenstraining und geeigneten Managementmaßnahmen im Alltag mit Psychopharmaka behandelt werden:

  • Zur Anwendung kommen hierbei in der Regel sogenannte Selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) aus der Humanmedizin oder Clomipramin (ein sog. Trizyklisches Antidepressivum). Eventuell ist eine Kombination aus diesen nötig.
  • Besteht der Verdacht, dass die Zwangsstörung möglicherweise durch eine zu Grunde liegende Epilepsie ausgelöst wird, kommen auch Antiepileptika zum Einsatz.
  • In den meisten Fällen müssen die Psychopharmaka lebenslang verabreicht werden, um eine adäquate Lebensqualität der Hunde zu gewährleisten.

Oberstes Gebot bei einem Einsatz solcher Medikamente: Es darf niemals darum gehen, einen Hund einfach nur ruhig zu stellen, sondern es dient als Hilfestellung, damit es dem Hund besser geht und er dadurch wieder lernfähig wird. Schließlich ist es wichtig, dass der Hund neue Bewältigungsstrategien lernt.

Deshalb empfiehlt sich zusätzlich Unterstützung durch eine:n Hundetrainer:in, die über positive Verstärkung und bedürfnisorientiert arbeitet. Druck, Korrekturen, Maßregelungen und Strafen werden die Probleme des Hundes nur verstärken. Manche der verhaltenstherapeutisch ausgebildeten Tierärzt:innen arbeiten auch im Hundetraining.

Aspekte, die im Alltag berücksichtigt werden sollten

Beobachte intensiv und schreibe anschließend auf, welche Situationen und Reize von deinem Hund als Stressoren empfunden werden. Das können Dinge sein, die für dich normal und harmlos sind – dein Hund mag das womöglich anders wahrnehmen. Als nächstes ist Management gefragt: Reduziere gezielt diese Stressoren im Alltag, um chronischen Stress zu vermeiden.

Es kann helfen, Gassistrecken statt -runden zu gehen. Eine Strecke zu gehen und diese anschließend wieder zurückzugehen, hat den Vorteil, dass der Hund auf dem Rückweg nicht mehr mit ständig neuen Reizen konfrontiert wird. Eine andere Möglichkeit sind sogenannte „Spaziergangsinseln“: Suche dir eine ruhige Wiese, auf der ihr verweilen könnt. Der Hund hat so die Möglichkeit, Außenreize zu verarbeiten, ohne permanent mit neuen Gerüchen, Geräuschen und anderen Eindrücken entlang der Gassistrecke konfrontiert zu werden. Grundsätzlich gilt: Qualität statt Quantität.

Stelle eine kleine Liste auf mit Dingen, die dein Hund sehr gern macht: Etwas suchen, buddeln, mit dir rennen, Pappkartons schreddern, Nasenarbeit? Es geht darum, was deinem Hund gefällt. Aber Achtung: Auch hier kann es manchmal zu viel des Guten sein.

Ebenfalls helfen können sogenannte „Decompression Walks“: Suche dir reizarme Umgebungen, nimm eine lange Schleppleine mit und lasse deinem Hund so viel wie möglich Zeit und Raum, die Umgebung zu explorieren und zu schnüffeln. Baue Phasen, in denen der Hund richtig Freizeit hat, schrittweise auf.

Selbst vereinzelte Stressauslöser können für den Hund eine massive Belastung sein. Welche Maßnahmen helfen dem Hund, Stress möglichst gut abzubauen? Häufig ist es so, dass Routinen und Rituale im Alltag Halt geben können. Baue in diesem Kontext auch die konditionierte Entspannung auf!

Regelmäßige Ruhetage sind unerlässlich, damit der Hund regenerieren kann und wieder bereit ist, Neues zu lernen. An diesen Tagen passiert wirklich nichts, außer Lösen, Fressen, vielleicht noch Knabbern und ansonsten: SCHLAFEN. Bei länger anhaltendem Stress werden Stoffe wie Cortisol ausgeschüttet, die über Schlaf und Regeneration abgebaut werden.

Oft ist es so, dass Hunde, die von diesem Thema betroffen sind, auch noch weitere Themen haben (z.B. Trennungsstress, Ressourcenaggression). Überlege dir, welche der Themen aktuell im gemeinsamen Alltag den größten Stress verursachen und wende dich erstmal nur diesen Themen zu. Versuche nach Möglichkeit, die anderen Themen mit Management und kreativen Lösungen zu umschiffen.

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